Meine Großtante Johanna ist die einzige Person, die einerseits die Volksgerichtshofgeschichte meines Großvaters richtig miterlebt hat und andererseits immer noch lebt. Ich will also seit längerer Zeit dringend mit ihr reden. Im März, wo ich in ihrem Schwarzwalddorf vorbeikommen hätte können, wollte sie dann allerdings nicht reden. Sie kann nichts darüber sagen, sie weiss nichts mehr, bringt nichts. Äußerst schade. Mittlerweile allerdings hat sie wohl einige Male bei meinen Eltern angerufen, um ihnen völlig unvermittelt Details über meinen Großvater zu erzählen.
Dass seine Versetzung nach Berlin an den Volksgerichtshof 1942 von der ganzen Familie als Strafversetzung empfunden worden sei. Strafversetzung wegen des Vorfalls mit der Fronleichnamsprozession in Ellwangen 1938, wo mein Großvater das Verfahren gegen einige Prozessionsteilnehmer eingestellt hatte, die sich gegen die Schüler zur Wehr gesetzt hatten, die im Auftrag der NSDAP die Prozession gestört hatten.
Ich bin mir nicht sicher, ob meine nicht so wirklich gegen den Nationalsozialismus eingestellte Familie, das ist mein Eindruck, die Versetzung damals wirklich als Strafe empfunden haben kann. Eigentlich eine große Ehre, an den VGH zu dürfen.
Eine zweite Johanna-Geschichte. Anfang 1945, als sich mein Großvater desertierenderweise im Schwarzwald bei seinem Schwiegervater aufhielt, soll er mit dem Gedanken gespielt haben, sich per Fahrrad in die Schweiz abzusetzen. Man habe das diskutiert und sei dann zu dem Schluss gekommen, dass es aufgrund der Sippenhaft zu gefährlich für alle würde, also lies mein Großvater es bleiben.
Wer weiss was da mit der Zeit noch an Details per Telefon angespült werden. Aber soll sie sich bitte einfach mal doch die Zeit für mich nehmen! Oder wenigstens mir direkt erzählen statt meinen Eltern. Wobei ich glaube sie hat einfach meine Telefonnummer nicht, und es ist auch nicht üblich, dass wir telefonieren.
Ich arbeite daran.