Großvaterblog


leipziglichtfest
11. Oktober 2009, 17:39
Gespeichert unter: erinnerungskultur, geschichtspolitik

20 Jahre nach „der“ großen Montagsdemonstration in Leipzig, bei der 70.000 Menschen gegen die akuten Verhältnisse in der DDR protestieren gingen, waren am Freitagabend an die 100.000 auf der Originaldemostrecke in Leipzig unterwegs, um an die Demonstration eben 20 Jahre vorher zu erinnern – oder auch die „Wende“ aka „Friedliche Revolution“ oder die Wiedervereinigung oder die Großartigkeit der Stadt Leipzig zu feiern. Was auch immer.
Ich war da und fand es teils skurril, teils okay. Befürchtungen, die wir hatten, das das ganze eine kitschige, eindimensionale Beweihräucherung des Ablaufs der Geschichte werden würde, haben sich nicht bestätigt – wobei ich von Reden und offiziellem Programm auch wenig mitbekommen hatte. Was ich gesehen habe war ein massiger Spaziergang über den Ring, vorbei an teils banalen, teils ganz spannenden Lichtinstallationen und -projektionen und Soundinstallationen. In der künstlerischen Offenheit nichts dagegen zu sagen. Etwas irritierend der technische Aufwand, der getrieben wurde und die ganze Veranstaltung doch arg eventisiert hat. Riesenleinwände über den Goerdelerring, straßenweite Beschallung, eine Riesenbühne auf der Brühlbrachfläche die in ihrem Setting musikfestivaleske Assoziationen weckt. Naja.
Ich verweise auf Unkritisches bei der LVZ und Kritisches im Kreuzer.



rechtliche Absicherung
24. September 2009, 21:20
Gespeichert unter: erinnerungskultur, recherche

Ich war im Internet unterwegs auf der Suche nach Arbeiterrückfahrkarten. Eigentlich wollte ich gerne Informationen, aber die Dinger wurden mir lediglich zum Verkauf angeboten. Hübsch mit Bild. Bei den Bildern hatten sie schön gehorsam alle Nazisymbole, well, the Hakenkreuz, rot übermalt.

Brauche ich das auch? Brauche ich einen Disclaimer, dass ich nationalsozialistische Symbole nur zu staatsbürgerlicher Aufklärung darstelle? Immerhin ist das Internet auch die Öffentlichkeit und Nazisymbole in der Öffentlichkeit sind ja wohl verboten. Allerdings will ich ja nichts verkaufen. Und habe überhaupt nur zeitgeschichtliche Dokumente zur Betrachtung anzubieten. Und bei lemo wird auch nichts retuschiert oder überklebt. Also.



„Demenz“
2. April 2009, 22:37
Gespeichert unter: erinnerungskultur, familie, großvater

Mein Vater hat mich für ein paar Tage in Leipzig besucht. Wir waren in allen Kirchen, im zeitgeschichtlichen Forum, im Gewandhaus und in Dresden. Und wir waren in einem Buchladen, er hat sich das momentan heiß diskutierte „Demenz“ von Tilman Jens gekauft und innerhalb zweier Abende komplett verschlungen. Als Arzt, der viel mit Demenzpatienten arbeitet, interessiert ihn natürlich der Umgang mit der Demenz innerhalb der Familie Jens. Und mit einem Grinsen erklärt er, dass er unter Tübinger Ärztekollegen ohne große Probleme herausfinden könnte, wer denn der Hausarzt ist, der, wie es im Buch beschrieben wird, Walter Jens Sterbehilfe geleistet hätte.

Was uns beiden auffällt sind die Parallen der Leben Walter Jens’ und meines Großvaters. Die Tatsache, dass sie beide die letzten Lebensjahre oder -jahrzente nur mit Antidepressiva durchstanden. Und natürlich der Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Jens wurde 2003 vom „Internationalen Germanistenlexikon“ als NSDAP-Mitglied „enttarnt“ und somit seiner Biographie ein ganz und gar unpassendes Teil hinzugefügt. Und anstatt sich dem zu stellen tat Jens es im Spiegel als „absurd und belanglos“ ab. Ähnlich mein Großvater, der die Zeitungsartikel gegen ihn Anfang der 1980er als reine Schikane-Kampagne gegen seine Person und seine richterliche Ehre sah und die Wege seiner eigenen Biographie und deren Wirkung nicht reflektierte, nicht reflektieren konnte. Bei meinem Großvater lösten die Zeitungsartikel die Depression aus, die sein ganzes restliches Leben andauern sollte. Walter Jens – so die These von Jens Junior – flüchtete sich angesichts der Vorwürfe in die Demenz.

Ob ich diesen Zusammenhang so sehen würde weiß ich nicht. Ist halt eine These. Vielleicht ein bisschen steil.

Einige Tage nach der Abreise meines Vaters diskutiere ich die Causa Demenzbuch mit einer Freundin. Sie findet es anrüchig, aus der Krankheit und den biographischen Widersprüchen des eigenen Vaters publizistischen Profit für sich selbst zu schlagen.  Ich kann nachvollziehen, beziehungsweise kann mir vorstellen, daß die Geschichte seines Vaters für Tilman Jens etwas war, was er nicht unbearbeitet, unformuliert, unpubliziert lassen konnte. Ich finde es darüberhinaus wichtig, Themen wie Demenz und den Umgang mit dem Nationalsozialismus öffentlich zu diskutieren. Und eine solche Diskussion entsteht nicht von alleine, sondern zum Beispiel anhand der Darstellung eines prominenten Falles. Hätte Tilman Jens sein Buch eben verschenken sollen, um dem Profitvorwurf zu entgehen. Oder er hätte einen Blog schreiben können…