Großvaterblog


die Bucheckern-Linzertorte
1. Oktober 2009, 22:15
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Im Juli habe ich mich einen Nachmittag lang mit meiner Mutter und meiner Großtante Johanna über meinen Großvater, den Volksgerichtshof, den Krieg, die Familie und den ganzen Rest unterhalten. Johanna hat viel erzählt. Unter anderem die kleine Anekdote einer Linzertorte aus Bucheckern, die ein bisschen unter „wir hatten ja nichts“ läuft.

Und ich musste erstmal auf wikipedia nachsehen, wie so eine Buchecker überhaupt aussieht und was man damit alles anstellen kann.



vom Nicht-Reden
10. Juli 2009, 23:14
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Wir reden über das Nicht-Reden.

Man muss ja auch nicht immer reden, wenn man stattdessen Pilze sammeln und in Gasthäusern einkehren kann.



Oberndorf/Neckar, bei Tante Johanna
10. Juli 2009, 21:56
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Zusammen mit meiner Mutter habe ich Großtante Johanna besucht. Johanna wohnt in Oberndorf am Neckar, am Schwarzwaldrand, im Haus meines Urgroßvaters, in dem auch meine Großmutter aufgewachsen ist. Hier haben sich meine Großeltern kennengelernt, als mein Großvater Anfang 1939 als Hilfsstaatsanwalt nach Oberndorf kam.

oberndorfhaus

So sieht es heute bei Johanna aus:

johannas haus



happy birthday to you.
14. Juni 2009, 20:31
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Heute ist der 100. Geburtstag meines Großvaters. Wäre er noch am Leben, wäre das heute kein Leipziger Arbeitstag für mich gewesen, sondern große Familienfeier. Zur Jahrhundertfeier wären wohl alle dagewesen: 3 Töchter, 13 Enkel, 5 Urenkel. Wir wären irgendwo zum Mittagessen ausgegangen, vielleicht am Bodensee. Dann hätte es Kaffee und Kuchen gegeben, dann einen Spaziergang und schließlich kalte Platten vom Metzger. Die Enkel und Urenkel hätten je einen Umschlag mit 100 Euro überreicht bekommen, oder mit 50, je nachdem wie korrekt man die symbolischen 100 Mark in meiner Familie in Euro konvertiert hätte. Mein Onkel hätte eine sich reimende Rede gehalten. Den Volksgerichtshof hätte keiner erwähnt.



Tante Johanna
4. Mai 2009, 16:05
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Meine Großtante Johanna ist die einzige Person, die einerseits die Volksgerichtshofgeschichte meines Großvaters richtig miterlebt hat und andererseits immer noch lebt. Ich will also seit längerer Zeit dringend mit ihr reden. Im März, wo ich in ihrem Schwarzwalddorf vorbeikommen hätte können, wollte sie dann allerdings nicht reden. Sie kann nichts darüber sagen, sie weiss nichts mehr, bringt nichts. Äußerst schade. Mittlerweile allerdings hat sie wohl einige Male bei meinen Eltern angerufen, um ihnen völlig unvermittelt Details über meinen Großvater zu erzählen.

Dass seine Versetzung nach Berlin an den Volksgerichtshof 1942 von der ganzen Familie als Strafversetzung empfunden worden sei. Strafversetzung wegen des Vorfalls mit der Fronleichnamsprozession in Ellwangen 1938, wo mein Großvater das Verfahren gegen einige Prozessionsteilnehmer eingestellt hatte, die sich gegen die Schüler zur Wehr gesetzt hatten, die im Auftrag der NSDAP die Prozession gestört hatten.

Ich bin mir nicht sicher, ob meine nicht so wirklich gegen den Nationalsozialismus eingestellte Familie, das ist mein Eindruck, die Versetzung damals wirklich als Strafe empfunden haben kann. Eigentlich eine große Ehre, an den VGH zu dürfen.

Eine zweite Johanna-Geschichte. Anfang 1945, als sich mein Großvater desertierenderweise im Schwarzwald bei seinem Schwiegervater aufhielt, soll er mit dem Gedanken gespielt haben, sich per Fahrrad in die Schweiz abzusetzen. Man habe das diskutiert und sei dann zu dem Schluss gekommen, dass es aufgrund der Sippenhaft zu gefährlich für alle würde, also lies mein Großvater es bleiben.

Wer weiss was da mit der Zeit noch an Details per Telefon angespült werden. Aber soll sie sich bitte einfach mal doch die Zeit für mich nehmen! Oder wenigstens mir direkt erzählen statt meinen Eltern. Wobei ich glaube sie hat einfach meine Telefonnummer nicht, und es ist auch nicht üblich, dass wir telefonieren.

Ich arbeite daran.



„Demenz“
2. April 2009, 22:37
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Mein Vater hat mich für ein paar Tage in Leipzig besucht. Wir waren in allen Kirchen, im zeitgeschichtlichen Forum, im Gewandhaus und in Dresden. Und wir waren in einem Buchladen, er hat sich das momentan heiß diskutierte „Demenz“ von Tilman Jens gekauft und innerhalb zweier Abende komplett verschlungen. Als Arzt, der viel mit Demenzpatienten arbeitet, interessiert ihn natürlich der Umgang mit der Demenz innerhalb der Familie Jens. Und mit einem Grinsen erklärt er, dass er unter Tübinger Ärztekollegen ohne große Probleme herausfinden könnte, wer denn der Hausarzt ist, der, wie es im Buch beschrieben wird, Walter Jens Sterbehilfe geleistet hätte.

Was uns beiden auffällt sind die Parallen der Leben Walter Jens’ und meines Großvaters. Die Tatsache, dass sie beide die letzten Lebensjahre oder -jahrzente nur mit Antidepressiva durchstanden. Und natürlich der Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Jens wurde 2003 vom „Internationalen Germanistenlexikon“ als NSDAP-Mitglied „enttarnt“ und somit seiner Biographie ein ganz und gar unpassendes Teil hinzugefügt. Und anstatt sich dem zu stellen tat Jens es im Spiegel als „absurd und belanglos“ ab. Ähnlich mein Großvater, der die Zeitungsartikel gegen ihn Anfang der 1980er als reine Schikane-Kampagne gegen seine Person und seine richterliche Ehre sah und die Wege seiner eigenen Biographie und deren Wirkung nicht reflektierte, nicht reflektieren konnte. Bei meinem Großvater lösten die Zeitungsartikel die Depression aus, die sein ganzes restliches Leben andauern sollte. Walter Jens – so die These von Jens Junior – flüchtete sich angesichts der Vorwürfe in die Demenz.

Ob ich diesen Zusammenhang so sehen würde weiß ich nicht. Ist halt eine These. Vielleicht ein bisschen steil.

Einige Tage nach der Abreise meines Vaters diskutiere ich die Causa Demenzbuch mit einer Freundin. Sie findet es anrüchig, aus der Krankheit und den biographischen Widersprüchen des eigenen Vaters publizistischen Profit für sich selbst zu schlagen.  Ich kann nachvollziehen, beziehungsweise kann mir vorstellen, daß die Geschichte seines Vaters für Tilman Jens etwas war, was er nicht unbearbeitet, unformuliert, unpubliziert lassen konnte. Ich finde es darüberhinaus wichtig, Themen wie Demenz und den Umgang mit dem Nationalsozialismus öffentlich zu diskutieren. Und eine solche Diskussion entsteht nicht von alleine, sondern zum Beispiel anhand der Darstellung eines prominenten Falles. Hätte Tilman Jens sein Buch eben verschenken sollen, um dem Profitvorwurf zu entgehen. Oder er hätte einen Blog schreiben können…



erklär mal einem Kind das Dritte Reich
20. März 2009, 10:33
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„War der Opa böse?“ fragt meine jüngste Schwester Hanna, als sie herausgefunden hat, was ich da eigentlich mache, wenn ich mit der schwarzen Aktentasche und ihren Stapeln an alten Papieren am großen Esstisch sitze. Hanna ist jetzt zwölf Jahre alt und mag Filme, in denen die Rollen klar verteilt sind und es eindeutige Helden und eindeutige Bösewichte gibt. Ich weiß nicht mehr wie ich das mit zwölf gesehen habe, aber Komplexität und Authentizität lernt man wohl wirklich erst später zu schätzen. Wenn überhaupt. Als unser Großvater starb war Hanna sieben Jahre alt. Zu jung, um unseren Großvater kennenzulernen und auch zu jung, um noch eine Erinnerung an ihn zu haben. Die Frage, wie er war, ist von ihr also durchaus zu erwarten. Finde ich auch irgendwie gut, dass sie überhaupt fragt. Allerdings fragt sie ja eher nach einer Bewertung als danach, wie er wirklich war. Ich weiß nicht, wie viel meine Schwester vom Nationalsozialismus schon weiß, aber dass da etwas als böse zu bewerten ist hat sie also mitbekommen.
Antworten konnte ich Hanna nicht wirklich. Schwer zu sagen, ich weiß auch nicht. Der Opa hat ein paar böse Sachen gemacht, aber er selbst hat später gesagt er wollte das gar nicht. Schwer, dir das zu erklären, ohne erst einmal tausend andere Dinge erklärt zu haben. Totalitarismus. Großvater als Kind des deutschen Reichs. Die Weimarer Republik. Selbstbilder von Juristen. Menschlicher Umgang mit Existenzangst. Feigheit. Die Verteilung von Verantwortlichkeiten auf Systeme und Akteure. Schwer, da überhaupt irgendetwas auf „gut“ oder „böse“ runterzubrechen.



Material
16. Februar 2009, 23:09
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Spät am Abend ein Telefongespräch mit meiner Mutter. Sie hat sich am Sonntag mit meinen zwei Tanten im Haus meiner Großmutter getroffen, zu beraten was jetzt mit dem ganzen Zeug geschehen soll. Dem Haus, den Möbeln, den Bildern.
Meine Mutter hat eine Aktentasche gefunden und mit nach Hause genommen. Mit Dokumenten „aus Berlin“. Sprich, mit Akten meines Großvaters aus seiner Zeit am Volksgerichtshof, in den letzten Kriegsjahren. Ich bitte meine Mutter, die sich die Papiere, bevor sie sie aus der Hand gibt, mir gibt, erst einmal durchsehen will, inständig, nichts zu entfernen und mich alles sehen zu lassen. Und ich bitte sie, die Akten nicht sofort durchzusehen, sondern sich davor erst einmal nochmal mit mir zu unterhalten. Ich will wissen, was in unserer Familie als „offizielle“ Überlieferung kursiert. Was meine Mutter erinnert, was sie aus den Erinnerungen ihrer Eltern kennt, was sie als Geschichte erzählt bekommen hat. Und zwar bevor sie in den Dokumenten liest. Ein bisschen möchte ich die Fiktion aufrechterhalten, dass aus den Nachforschungen meine Magisterarbeit werden könnte. Dabei will ich die längst über etwas völlig anderes schreiben. Dass ich überhaupt ansatzweise wissenschaftlich an das Thema herangehen könnte. Dabei bin ich selbst viel zu sehr verstrickt. Aber, die Fiktion aufrechterhalten, dass es hier um ein ansatzweise professionelles Ding geht. Dass es nicht eine masochistisch-sensationslüsterne Gier an der eigenen Familiengeschichte mit meinem persönlichen Nazi ist.



prag
4. Mai 2007, 22:53
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Für mich begann die Geschichte meines Großvaters im Mai 2007 in Prag. Mein Großvater war einige Jahre tot. Ich hatte ihn gekannt wie man als Kind und Jugendliche einen Großvater kennt, zu dem man nicht viel Bezug und keine gemeinsamen Themen hat. Ich kannte ihn als einen schweigsamen, ernsthaften alten Mann mit festen Gewohnheiten und starren Routinen. Frühstücksei, Botengänge für meine Großmutter, Kreuzworträtsel, Spaziergang, Tagesschau, ein Glas Rotwein am Abend. Als meine Schwester und ich noch kleiner waren, hatten wir gelegentlich bei Besuchen mit meinem Großvater Brettspiele gespielt. Leiter Hoch und Mensch Ärgere Dich Nicht.

Nach dem Krieg habe ich meinen Großvater nie gefragt. Genausowenig wie nach allen anderen Themen. Erst war ich zu jung, um mich ernsthaft für ihn zu interessieren, dann war er zu alt, um ein Interesse zu Erzählen zu haben. Und dann war er tot. Die eine Geschichte, die all die Jahre in der Familie kursierte, war die Geschichte des Arms meines Großvaters. Mein Großvater hatte sich als Junge den Arm gebrochen, den ein findiger Arzt mit einem eingehauenen Nagel kurierte. Der Nagel ließ sich nie wieder entfernen, und mein Großvater konnte seinen rechten Arm nie mehr strecken. Und deswegen, so die Erzählung, musste er nicht als Soldat an die Front.

Für mich hieß das immer, diesem kleinen Nagel verdanke ich vielleicht meine Existenz.  Hätte mein Großvater in den Krieg gemusst, wäre er vielleicht gefallen. Dann hätte es meine Mutter nicht gegeben und somit auch mich nicht. Aber auch nach dem Tod meines Großvaters gab es noch Andere, die ich fragen konnte. Die Gelegenheit, die ich ergriff, war in Prag im Mai 2007. Ich war mit meiner Mutter zusammen für ein Wochenende von Leipzig aus nach Prag gefahren. Wir hatten alles mögliche angesehen. Synagogen. Den jüdischen Friedhof. Eine Ausstellung über Theresienstadt. Dann sind wir etwas essen gegangen, ich glaube es waren Sandwiches. Und dort im Sandwichrestaurant fragte ich meine Mutter, was mein Großvater eigentlich während der Nazizeit und dem Krieg gemacht hatte, als ihm der Nagel in seinem Arm die Front ersparte.

Also erfahre ich, dass mein Großvater während dem zweiten Weltkrieg am Volksgerichtshof in Berlin gearbeitet hat. Ich bin wahnsinnig irritiert. Der Nazi-Volksgerichtshof ist doch das Gericht, von dem all die Widerstandsgruppen verurteilt und hingerichtet wurden. Die Geschwister Scholl und die Weiße Rose. Die Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944. Wie zur Hölle kann es sein, dass mein Großvater daran beteiligt war und ich das 22 Jahre lang einfach überhaupt nicht erfahre?

Für meine Mutter ist das Thema schwer. Natürlich. Viel kann sie auf meine Nachfragen auch gar nicht antworten. Ja, mein Großvater war am Volksgerichtshof, aber unfreiwillig und gegen seine Überzeugung. Er war auch nie Parteimitglied der NSDAP und sowieso gegen die Nationalsozialisten. Er wurde am Volksgerichtshof an Todesurteilen beteiligt, aber es hat ihn total mitgenommen und irgendwann ist er dann auch vom Gericht und von Berlin abgehauen. Er sei dann nach Hause, nach Tettnang am Bodensee, gelaufen und abgemagert und völlig am Ende dort angekommen. Schließlich sei er dann aber doch nach Berlin zurückgekehrt, wurde am Ende vor sein eigenes Gericht gestellt und landete im Gefängnis.

Aufgrund dieses Gefängsnisaufenthaltes sei mein Großvater nach dem Krieg dann schnell rehabilitiert worden und konnte aus dieser Position aus anderen Juristen „Persilscheine“ ausstellen. Irgendwann Jahrzehnte später habe es dann plötzlich eine Pressekampagne gegeben. Wie es denn sein könne, dass ein Jurist des Volksgerichtshofes jetzt seelenruhig als Richter in der Bundesrepublik tätig sein könne. Meinen Großvater hätte diese Kampagne wahnsinnig mitgenommen. Er habe sich nie etwas vorzuwerfen gehabt und war immer überzeugt davon gewesen, stets rechtens gehandelt zu haben. Und man kann sich heutzutage ja auch gar nicht vorstellen, was das für eine schreckliche und schwierige Zeit damals gewesen war. Für jeden. Und wer weiß – niemand weiß – wie wir uns damals verhalten hätten.

Ich konnte das irgendwie alles noch gar nicht so glauben.



Ravensburg
19. Dezember 2009, 17:15
Gespeichert unter: familie, großvater

Auf einem Foto vom Mai 1960 ist das Haus meiner Großeltern bei ihrem Einzug zu sehen. Ganz kahl, ohne Garten, Bäume und Hecken herum. In diesem Haus ist meine Mutter aufgewachsen. Meine Geschwister und ich haben jahrelang die Schulferien hier verbracht.

Um den Einzugstermin herum lief ein erstes Verfahren der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen meinen Großvater, wegen Beteiligungen an Todesurteilen des Volksgerichtshofs.  Nach einer Vernehmung im April 1960 wurde es jedoch im Juni 1960 eingestellt.

Im Sommer 2009 wurde das Haus nach dem Tod meiner Großmutter ausgeräumt und verkauft.

haus