Ich war im Internet unterwegs auf der Suche nach Arbeiterrückfahrkarten. Eigentlich wollte ich gerne Informationen, aber die Dinger wurden mir lediglich zum Verkauf angeboten. Hübsch mit Bild. Bei den Bildern hatten sie schön gehorsam alle Nazisymbole, well, the Hakenkreuz, rot übermalt.
Brauche ich das auch? Brauche ich einen Disclaimer, dass ich nationalsozialistische Symbole nur zu staatsbürgerlicher Aufklärung darstelle? Immerhin ist das Internet auch die Öffentlichkeit und Nazisymbole in der Öffentlichkeit sind ja wohl verboten. Allerdings will ich ja nichts verkaufen. Und habe überhaupt nur zeitgeschichtliche Dokumente zur Betrachtung anzubieten. Und bei lemo wird auch nichts retuschiert oder überklebt. Also.
Zusammen mit meiner Mutter habe ich Großtante Johanna besucht. Johanna wohnt in Oberndorf am Neckar, am Schwarzwaldrand, im Haus meines Urgroßvaters, in dem auch meine Großmutter aufgewachsen ist. Hier haben sich meine Großeltern kennengelernt, als mein Großvater Anfang 1939 als Hilfsstaatsanwalt nach Oberndorf kam.

So sieht es heute bei Johanna aus:

Meine Großtante Johanna ist die einzige Person, die einerseits die Volksgerichtshofgeschichte meines Großvaters richtig miterlebt hat und andererseits immer noch lebt. Ich will also seit längerer Zeit dringend mit ihr reden. Im März, wo ich in ihrem Schwarzwalddorf vorbeikommen hätte können, wollte sie dann allerdings nicht reden. Sie kann nichts darüber sagen, sie weiss nichts mehr, bringt nichts. Äußerst schade. Mittlerweile allerdings hat sie wohl einige Male bei meinen Eltern angerufen, um ihnen völlig unvermittelt Details über meinen Großvater zu erzählen.
Dass seine Versetzung nach Berlin an den Volksgerichtshof 1942 von der ganzen Familie als Strafversetzung empfunden worden sei. Strafversetzung wegen des Vorfalls mit der Fronleichnamsprozession in Ellwangen 1938, wo mein Großvater das Verfahren gegen einige Prozessionsteilnehmer eingestellt hatte, die sich gegen die Schüler zur Wehr gesetzt hatten, die im Auftrag der NSDAP die Prozession gestört hatten.
Ich bin mir nicht sicher, ob meine nicht so wirklich gegen den Nationalsozialismus eingestellte Familie, das ist mein Eindruck, die Versetzung damals wirklich als Strafe empfunden haben kann. Eigentlich eine große Ehre, an den VGH zu dürfen.
Eine zweite Johanna-Geschichte. Anfang 1945, als sich mein Großvater desertierenderweise im Schwarzwald bei seinem Schwiegervater aufhielt, soll er mit dem Gedanken gespielt haben, sich per Fahrrad in die Schweiz abzusetzen. Man habe das diskutiert und sei dann zu dem Schluss gekommen, dass es aufgrund der Sippenhaft zu gefährlich für alle würde, also lies mein Großvater es bleiben.
Wer weiss was da mit der Zeit noch an Details per Telefon angespült werden. Aber soll sie sich bitte einfach mal doch die Zeit für mich nehmen! Oder wenigstens mir direkt erzählen statt meinen Eltern. Wobei ich glaube sie hat einfach meine Telefonnummer nicht, und es ist auch nicht üblich, dass wir telefonieren.
Ich arbeite daran.
Spät am Abend ein Telefongespräch mit meiner Mutter. Sie hat sich am Sonntag mit meinen zwei Tanten im Haus meiner Großmutter getroffen, zu beraten was jetzt mit dem ganzen Zeug geschehen soll. Dem Haus, den Möbeln, den Bildern.
Meine Mutter hat eine Aktentasche gefunden und mit nach Hause genommen. Mit Dokumenten „aus Berlin“. Sprich, mit Akten meines Großvaters aus seiner Zeit am Volksgerichtshof, in den letzten Kriegsjahren. Ich bitte meine Mutter, die sich die Papiere, bevor sie sie aus der Hand gibt, mir gibt, erst einmal durchsehen will, inständig, nichts zu entfernen und mich alles sehen zu lassen. Und ich bitte sie, die Akten nicht sofort durchzusehen, sondern sich davor erst einmal nochmal mit mir zu unterhalten. Ich will wissen, was in unserer Familie als „offizielle“ Überlieferung kursiert. Was meine Mutter erinnert, was sie aus den Erinnerungen ihrer Eltern kennt, was sie als Geschichte erzählt bekommen hat. Und zwar bevor sie in den Dokumenten liest. Ein bisschen möchte ich die Fiktion aufrechterhalten, dass aus den Nachforschungen meine Magisterarbeit werden könnte. Dabei will ich die längst über etwas völlig anderes schreiben. Dass ich überhaupt ansatzweise wissenschaftlich an das Thema herangehen könnte. Dabei bin ich selbst viel zu sehr verstrickt. Aber, die Fiktion aufrechterhalten, dass es hier um ein ansatzweise professionelles Ding geht. Dass es nicht eine masochistisch-sensationslüsterne Gier an der eigenen Familiengeschichte mit meinem persönlichen Nazi ist.
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Eineinhalb Jahre habe ich jetzt die Sache mit meinem Großvater mehr oder weniger auf sich beruhen lassen. Ab und zu mal darüber geredet. Mit Teilen meiner Familie, mit Freunden. Den Plan mit dem Bundesarchiv habe ich immer wieder verschoben, ich wollte das erst machen, wenn ich auch richtig Zeit habe, mich damit zu beschäftigen und auseinanderzusetzen.
Also jetzt. Mein Erasmussemester ist quasi vorbei, bis zum nächsten Semester sind es noch über zwei Monate, und außer in der Bibliothek rumzuhängen und schlaue Bücher zu lesen habe ich nicht großartig was zu tun. Insofern der perfekte Moment, um mich wieder meinem Großvater zu widmen. Zumal es vielleicht auch spannend wäre, das ganze etwas weniger persönlich und mehr wissenschaftlich aufzuziehen und etwa auf Unterschiede zwischen der offiziellen Erzählung meiner Familie und dem was sich vielleicht aus Büchern und Dokumenten ergibt zu achten. Dieser Familienerzählung vom Abhauen aus Berlin und dem „zu Fuß an den Bodensee“ mißtraue ich sowieso ein bisschen. Das hört sich viel zu heroisch an und gleichzeitig zu sehr nach Opfer. Aber wer weiß.
Also schicke ich eine e-Mail an das Bundesarchiv in Berlin. Dass ich über familiären Umgang mit Nazi-Vergangenheit recherchiere und dazu gerne die Akten über meinen Großvater einsehen würde. Wäre das denn möglich.
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Für mein Stipendium muss ich regelmäßige Rechenschaftsberichte verfassen. Was ich so tue, wie ich mit dem Studium vorankomme, unterm Strich, ob das gute Geld auch gut in mich investiert ist. Ich überlege hin und her, ob ich meinen Großvater und meine Beschäftigung mit seiner Vergangenheit erwähnen soll. Einerseits ist es mir zu privat. Das geht die nichts an. Andererseits, warum auch nicht, etwas was mich die letzten Monate so beschäftigt hat, muss eigentlich unbedingt in meinem Bericht erwähnt werden. Also.
„Im Bereich Geschichte belege ich hierzu „Kulturgeschichte des Nationalsozialismus“, was sich auch als wirklich spannend herausgestellt hat. Z.B. haben wir intensiv die Oettinger-Filbinger-Affäre verfolgt und besprochen – für mich doppelt interessant, da es ja um mein „Heimat-Bundesland“ geht und dann vor allem weil ich im Mai herausfand, dass mein vor einigen Jahren verstorbener Großvater ein ganz ähnlicher „Fall“ wie Hans Filbinger war: Er war während dem Krieg Staatsanwalt am Volksgerichtshof in Berlin und dort für eine Reihe von Todesurteilen mitverantwortlich, hat sich gleichzeitig aber immer als Gegner der Nationalsozialisten betrachtet und sein Handeln als rechtens – auch noch nach 45. Bei der Recherche nach ihm stieß ich auf Akten im Bundesarchiv in Berlin, die aus Ermittlungen des DDR-Generalstaatsanwalts gegen ihn in den 60er-Jahren stammen – im Moment bin ich nicht ganz sicher, ob ich sie mir ansehen möchte, aber ich denke irgendwann schon.“
Mein Großvater war also Amtsgerichtsrat beim Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof. Keine Ahnung, wie der Volksgerichtshof funktionierte. Was die Positionen beim Oberreichsanwalt waren. Ich gehe in die Juristenbibliothek, um sowas alles herauszufinden. Und um nachzusehen, ob mein Großvater vielleicht auch in den Büchern in der Bibliothek auftaucht – wenn sogar das Bundesarchiv Akten über ihn hat.
In der Tat werde ich fündig. Ein ganzes Regalbrett zum Volksgerichtshof, zu NS-Justiz und der Aufarbeitung derselben.
Und eine Passage zu meinem Großvater in einem Buch von einem Günther Wieland. Es heisst „Das war der Volksgerichtshof. Ermittlungen, Fakten, Dokumente“, erschienen 1989 im Staatsverlag der DDR in Berlin.
Von einem anderen Staatsanwalt des Volksgerichtshofs ist bekannt, dass er sich „als im Grunde ausgesprochenen weltanschaulichen Gegner des NS-Regimes“ darzustellen suchte, obwohl er zwischen März 1943 und Januar 1945 an mindestens 37 Prozessen teilnahm, in denen 41 Männer und Frauen zum Tode und 39 zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Dabei handelt es sich um den 1909 geborenen Edmund Stark, der vor allem in Prozessen gegen Kommunisten und Sozialdemokraten die Todesstrafe beantragte. Ein Todesurteil erwirkte er am 13. Dezember 1943 gegen die Angehörigen der „Europäischen Union“ Robert Havemann, Georg Groscurth, Herbert Richter und Paul Otto Rentsch. (AZ: 10 J 1035/43 – 1 H 305/43.)
Allerdings unterscheidet sich Starks Lebenslauf in einer Hinsicht von denen seiner Kollegen: Als sich die Fronten immer mehr Berlin und seinem letzten Dienstort Potsdam näherten, erlahmte sein Diensteifer so, daß er sich nach seiner badischen Heimat absetzte. Letztlich kehrte er aber zurück, meldete sich beim Oberreichsanwalt und wurde „wegen Betriebssabotage“ inhaftiert.
Der Prozeß gegen Edmund Stark, von dem freilich nur die Überlieferungen des Angeklagten bekannt sind, war der erste, den der neuernannte Präsident des VGH Harry Haffner leitete. Für Stark verlief die Angelegenheit recht glimpflich. Am 29. März 1945 bedachte man ihn mit einer Freiheitsstrafe von vier Jahren, und nach sechs Wochen war er wieder frei, weil der ganze Nazispuk vorbei war.
Nach 1945 stellte Stark – nun als selbst von dem Tribunal Verurteilter – seinen ehemaligen Kollegen „Persilscheine“ aus, mit denen er ihnen ihre politische „Unbescholtenheit“ bestätigte. So schnell verwandelte sich Stark vom nazistischen Saulus zum demokratischen Paulus. Als im Jahre 1960 gegen ihn unter dem Druck aus der DDR übermittelter Beweise in der BRD ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden mußte, passierte ihm nichts; er blieb bis zum Pensionsalter – trotz wiederholter Proteste der demokratischen Öffentlichkeit – Landgerichtsdirektor in Ravensburg.
Um mich herum sitzen die Juristen über ihren Büchern. Es regnet leicht, als ich nach Hause laufe.
Wenn ich irgendetwas über irgendwen herausfinden will, hilft mir meistens Google. Warum also das Ganze nicht auch einmal auf meinen Großvater anwenden. Ich werde fündig.
In einem Artikel zu Max Sievers, vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilter Freidenker.
„Eine notwendige Ergänzung zum im Artikel genannten Amtsgerichtsrat Edmund Stark:
Die Richter, die Max Sievers „hinrichten“ ließen:
Der Erste Senat des Volksgerichtshofes hatte in folgender für sich sprechender Besetzung verhandelt und entschieden:Präsident des Volksgerichtshofs, Dr. jur. Roland Freisler, Vorsitzender,
Landgerichtsdirektor Steger,
NSKK – Obergruppenführer Offermann,
SA – Gruppenführer Dr. von Helms, und
Ministerialrat im OKW Dr. Herzlieb als Beisitzer,
sowie Amtsgerichtsrat Stark als Vertreter des Oberreichsanwalts.Edmund Stark beteiligt an mindestens 50 Todesurteilen! Nach 1945 brachte er es in der Bundesrepublik Deutschland u.a. zu einem Landgerichtsdirektor in Ravensburg und zum Vorsitzender des „Prüfungsausschusses für Kriegsdienstverweigerer“.
(nach Informationen von Prof. E.Buchholz/Berlin)“
Und ich entdecke, dass das Bundesarchiv eine Akte DP 3 / 2476 über meinen Großvater hat.
„Enthält:
Ermittlungsverfahren gegen Edmund Stark, ehem. Amtsgerichtsrat beim Oberreichsanwalt beim VGH
Enthält auch:
Foto des im 2. Weltkrieg zerstörten Gebäudes des VGH (ehem. Wilhelmsgymnasium, Bellevuestr. 15)“
Am 23. Februar 1944 stellte mein Großvater einen Antrag auf Arbeiterrückfahrkarten. Er wollte von Potsdam über Leipzig, Nürnberg und Ulm nach Friedrichshafen fahren. Soweit der obere Teil des Antrags. Es folgen eine Bescheinigung des Arbeitgebers, dass mein Großvater wirklich dort arbeitet, wo er arbeitet, und eine „Behördliche Bescheinigung“ dass mein Großvater wirklich dort Verwandte hat, wo er hinfahren will. Mein Großvater gab als Arbeit handschriftlich „Amtsgerichtsrat“ an, das „bei der Reichsanwaltschaft beim Volksgerichtshof“ ist mit Maschine vom Antragsunterschreiber, dem Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof, dazugefügt. Genauso ein „Reise nur in der Zeit vom 22. – 24. 12. 1944 möglich. Potsdam, den 19. Dezember 1944 – Der Polizeipräsident“.
Der ganze Antrag ist kreuz und quer mit Stempeln überzogen. Scheint eine ziemlich verquere Angelegenheit gewesen zu sein, Arbeiterrückfahrkarten zu bekommen.
Auf der Rückseite sind insgesamt neun „Tagesstempel der Fahrkartenausgabe“, datiert über das ganze Jahr 1944 hinweg. Durfte mein Großvater so oft nach Hause fahren? Ging das überhaupt so einfach, mitten im Krieg quer durch Deutschland mit dem Zug? Und ein Stempel ist vom 18. Dezember. Da verstehe ich nicht was dann der Polizeipräsident mit dem 22.-24. meint.
In diversen Onlineshops werden übrigens auch Arbeiterrückfahrkartenanträge angeboten. 14 Euro kriegt man für so ein Papier.
Und Arbeiterrückfahrkarten gab es auch in der DDR. Bis auf die Schriftart und dass die Bescheinigung “polizeilich“ statt „behördlich“ ist, sind die sogar ziemlich identisch. Ok, und der Hakenkreuzadler fehlt natürlich auch.
Unter dem ebay-Artikel wird da für „Arbeitskräfte aus Polen: Bauarbeiter, Saisonarbeiter, Ärzte, Erntehelfer, Haushaltshilfen“ geworben.
